Wasser zum Wachsen.

Wöchentlicher Gedankenfluss

Ein Gedanke über gestörte Systeme

Kann eine kleine Knospe zu einer wunderschönen Blüte heranwachsen, wenn sie umgeben ist, von wassersaugendem und schattenspendendem Unkraut? Kann sie als Blume ihre Wurzeln erweitern, um an das tiefe Wasser der Erde zu gelangen oder werden längere und härtere Wurzeln des Unkrauts ihr Wachstum begrenzen? Überlebt die Blüte die kalten Wintertage oder schlägt das Unkraut sie in punkto Wetterfestigkeit?

Ein Mensch ist wie eine Pflanze. Er braucht Sonnenstrahlen in Form von Wärme. Er braucht Wasser und Nahrung zum Überleben. Er braucht Zuwendung und Liebe, um zu wachsen. Er muss seine Wurzeln festigen, um im Leben zu stehen. Er ist oft umgeben von einem Haufen Unkraut, der ihm die Energie raubt.

Ich habe schon viele wundervolle, schlaue und offene Menschen kennengelernt. Manchmal habe ich das Gefühl sie magisch anzuziehen, denn immer mehr meiner FreundInnen und Bekannten, passen zu dieser Beschreibung. Diese Menschen sind spontan und lebensfroh. Sie planen Ausflüge, sprechen stundenlang über ihre Eindrücke und zeigen aufrichtiges Interesse an meiner Person. Sie geben mir einen gewissen Mehrwert. Ich lerne von ihnen und sie lernen von mir.

Sie nähern mich mit Zuwendung und wässern mein Selbstwertgefühl. Wenn ich meine Wurzeln wachsen lasse, einen immer festeren Stand im Leben bekomme, halten sie das Unkraut in meinem Kopf davon ab, mir den Weg zu verbauen. Sie sind wie die warme Sonne beim Skifahren. Sie wärmen mich trotz eisiger Kälte.

Sie nehmen Gewohnheiten und Regeln nicht einfach hin, sie hinterfragen sie. Sie gehören einer Gruppe Menschen an, die es besser machen möchten. Sie überlegen, ob das traditionelle Familiengerüst, die politischen und globalen Systeme und die gesellschaftlichen Werte noch in unsere moderne Welt passen. Sie wissen, dass es den Menschen noch nie so gut ging wie jetzt und dass es unserer Umwelt noch nie so schlecht ging wie jetzt. Sie sind lösungsorientiert, statt den Schuldigen für das Problem zu suchen.

Sie sind weltoffen, haben keine Angst vor neuen Kulturen, Bräuchen und Grenzen. Sie verstehen allmählich, dass ein Mensch ein Mensch ist und keiner sich aussuchen durfte, wo er geboren wird. Sie lernen Sprachen und reisen um die Welt. Sie wollen lernen und verstehen, und das ressourcenraubende Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr nicht noch um ein weiteres Prozent erhöhen.

Sie hören Podcasts oder Hörbücher im Zug zur Uni oder zur Arbeit. Sie wissen, dass sie unfassbar privilegiert sind, jede sexuelle, modische, politische oder kulturelle Vorliebe auszuleben. Sie unterstützen diejenigen, die dieses Privileg nicht in die Wiege gelegt bekommen haben.  Sie verstehen, dass kein Mensch als Krimineller geboren wird. Sie verstehen, dass jeder Mensch Liebe braucht.

Dieser Prototyp Mensch gehört zu einem Großteil meiner Generation an. Ich bin stolz darauf, dass „wir“ immer wieder unsere Unzufriedenheit und unsere Kritik äußern. Ich bin glücklich darüber, dass „wir“ die Demokratie und ihre Eckpfeiler wieder neu denken wollen. Ich bin froh darüber, dass „wir“ unsere Stimme finden.

Wir erfahren die umfassendste Bildung, die es je gab. Warum heißt es beim Unkraut dann, die Jugend ist faul und dumm? Wir nehmen Kredite auf, um uns weiterzubilden. Wieso wird uns dann vom Unkraut gesagt, wir können nicht mit Geld umgehen? Uns wird in der Schule, im Elternhaus und auf der Arbeit gepredigt, wir können alles schaffen, wenn wir nur hart genug dafür arbeiten. Wieso nennt uns das Unkraut dann schwach, wenn wir offenkundig an Depressionen oder einem Burnout leiden? Wir wachsen in einer Gemeinschaft verschiedenster Kulturen und Religionen auf. Warum fühlt sich das Unkraut von seinen eigenen Nachkommen bedroht?

Ihr seid unser Unkraut. Ihr seid die Ängstlichen, die Festgebissenen, die Gehorsamen. Ihr versteckt euch in unserem Garten. Ihr entzieht uns das Wasser, damit wir nicht genug Energie haben, euch über den Kopf zu wachsen. Ihr seid in vielen Fällen etwas länger auf dieser Welt, habt sie aber auch etwas kaputter gemacht. Ihr verschließt die Augen vor der eigenen Verantwortung und sucht einen sehr hart zu bestrafenden Schuldigen.

In einem System voller Unkraut ist es nur sehr schwer, voll und ganz zu einer wunderschönen Blume zu erblühen. Viele wollen eine Rose werden, brauchen also viel Liebe, Wärme und rote Farbe. Andere möchten zu einer Tulpe heranwachsen, brauchen also Unterstützung, Geborgenheit und gelbe Farbe. Manchen wären gerne einfach ein Gänseblümchen, brauchen also Zuwendung, Akzeptanz und weiß/violette Farbe. Wir haben Bedürfnisse und Wünsche.

Also liebes Unkraut. Bitte fühlt euch angesprochen und nicht nur angegriffen. Wir möchten doch einfach nur nach unserem Wertesystem wachsen. Und wir wären so dankbar für euren Dünger der Lebenserfahrung und Unterstützung. Vielleicht möchtet auch ihr euch irgendwann in eure Lieblingspflanze verwandeln? Dann macht das!

Denn kein*e Deutsche*r mag Unkraut im Vorgarten! Was sollen die NachbarInnen denken?

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