Das Gehirn eines Pädohebephilen

Wöchentlicher Gedankenfluss

Pädohebephilie kann nicht durch Gesetze oder Strafen abgeschafft werden

Ein Test: Welcher Aussage stimmst du zu?

1. Ein Mensch muss schlecht sein, wenn er Fleisch isst.
2. Ein Mensch muss lieblos sein, wenn er mobbt.
3. Ein Mensch muss egoistisch sein, wenn er sein Geld nicht mit armen Menschen teilt.
4. Ein Mensch muss zynisch sein, wenn er sich rücksichtslos und beleidigend äußert. 
5. Ein Mensch muss böse sein, wenn er pädophil ist.

Mit großer Wahrscheinlichkeit muss ein Mensch in deinen Augen nicht nur schlecht, lieblos, egoistisch oder zynisch sein, wenn er die oben genannten Dinge tut. Vielleicht ist es situationsbedingt oder das eine hat mit dem anderen eigentlich nichts zu tun. Einem Menschen eine Eigenschaft zuzuschreiben, aufgrund einer Aussage oder Tat von ihm, fühlt sich für uns eigentlich nicht richtig an. Die Umstände, Häufigkeit und die Absichten sind entscheidend, um einen Menschen in einer bestimmten Situation als egoistisch oder lieblos zu bezeichnen.

Mit großer Wahrscheinlichkeit kamst du bei dem 5. Punkt ins Stocken. Ja, sich sexuell zu Kindern oder Jugendlichen hingezogen zu fühlen, scheint uns widerwertig und abnormal. Kinder sexuell zu misshandeln oder zu vergewaltigen ist furchtbar, angsteinflößend und gehört bestraft. Kaum etwas erschreckt uns als soziales, menschliches Wesen mehr, als dass unseren Kindern etwas passiert. Wenn ein Mensch den Akt der Misshandlung auch noch genießt und sich dadurch befriedigt fühlt, muss er einfach böse sein. „Wir wünschen Pädophilen den Tod, selbst wenn sie nie Straftaten begangen hätten.“ (Julia Shaw)

Diesen Beitrag möchte ich allen Schwarz-und-Weiß-Denkern und Ängstlichen widmen. Dieser Beitrag soll der allgemeinen Aufklärung und Sensibilisierung dienen. Dieser Beitrag ist keine „Inschutznahme“ von Misshandlern, Vergewaltigern oder Verbreitern pornografischer Inhalte. Ich möchte nur ein Einblick in die Köpfe und Gene Pädohebephiler gewähren.

Was? Pädophilie ist eine Paraphilie, also eine sexuelle Abweichung, die man sich nicht ausgesucht hat. Pädophilie ist das vorrangige oder ausschließliche sexuelle Interesse an Kindern vor ihrer Pubertät. Hebephilie beschreibt das sexuelle Interesse an Teenagern im geschlechtsreifenden Alter (11-14 Jahre). Zusammengefasst spricht man von der sexuellen Neigung der Pädohebephilie.

Wer? Ein Pädo(hebe)philer ist ein Mensch, bei dem eine pädo(hebe)phile Sexualpräferenz besteht. Er muss jedoch keineswegs ein Missbrauchstäter sein. Es kommt vor, dass die Pädophilie lediglich in Form von Fantasien oder als kontrollierter pädophiler Impuls verspürt wird, nach außen aber kaum in Erscheinung tritt.

„Entscheidend ist die Differenzierung zwischen sexueller Präferenz und sexuellem Verhalten, also zwischen Pädophilie/Hebephilie und sexuellem Kindesmissbrauch bzw. der Nutzung von MA (Missbrauchsabbildungen). Beide Phänomene sind keineswegs gleichzusetzen, werden aber in der Öffentlichkeit, der Politik und den Medien häufig synonym verwendet.“ (Klaus Beier & andere)

Dadurch ignorieren wir die Diskussion über die Gründe sexuellen Missbrauchs. Sich von Kindern sexuell hingezogen zu fühlen, ist zwar ein Risikofaktor, doch ein viel größerer Risikofaktor ist das verzerrte Weltbild eines Menschen. Laut einer 2015 veröffentlichen Studie sind die SexualstraftäterInnen von Kindern davon überzeugt, dass Sex mit Kindern harmlos sei und dass Kinder die StraftäterInnen aktiv provozieren, Sex mit ihnen zu haben. Auch opportunistischen TäterInnen, welche vorwiegend sexuelles Interesse an Erwachsenen haben, nutzen den leichten Zugang zu oder die Verletzlichkeit von Kindern im geordneten Umfeld (Familie, Kirche, etc.), um allgemein sexuell zu vergehen.

Das Bild eines „typische Pädohebephilen“ gibt es nicht. Ein Pädophiler sagte mal in einem Interview der BBC, dass er keine fettigen Haare habe und keine große Brille trage. Er habe Familie, einen guten Job und einen festen Freundeskreis. „Jeder ist anders und wir sind ganz normale Menschen.“

Jeder Mensch kann selbst entscheiden, ob er im Einklang mit rechtlichen und gesellschaftlichen Normen handelt oder nicht. Laut der oben genannten Crime Agency werden 2/3 der Pädohebephilen ihre Neigungen nie ausleben (nicht-übergriffige Pädohebephile). Nicht alle StraftäterInnen, die Kinder missbrauchen, sind pädohebephil und nicht alle Pädohebephile sind StraftäterInnen. Pädohebephiler und Straftäter dürfen nicht als Synonyme verwendet werden.

Aber sie lieben Kinder? Nein. In einem Großteil der Fälle leben Menschen mit pädohebephilen Neigungen in einer Partnerschaft mit gleichaltrigen Personen und haben auch sexuelles Interesse an ihnen. Forschungen ergaben, dass das Interesse an Jüngeren auch eine sexuelle Präferenz für Menschen anderer Altersgruppen bedeuten kann. Das heißt, dass das sexuelle Interesse an Kindern, jenes an Erwachsenen nicht ausschließt.

So geboren? Wahrscheinlich Ja. Menschen mit einer pädohebephilen Neigung hat es immer gegeben und wird es immer geben. Das gibt Grund zur Annahme, dass es einen universellen Faktor geben muss, aus dem eine pädohebephile Neigung „entsteht“. Forscher bestätigen, dass die sexuelle Orientierung schon vor unserer Geburt bestimmt wird. Das bedeutet, dass ein Mensch nichts für seine sexuelle, also auch nicht für seine pädohebephile Neigung kann.

Was sagt uns die Biologie über Pädohebephile? Durch verschiedene Untersuchungen wurde gezeigt, dass Pädophile etwa 2 cm kleiner als Nicht-Pädophile sind. Sie haben eine dreimal höhere Wahrscheinlichkeit, dass sie Linkshänder sind. Im Allgemeinen haben sie einen niedrigeren IQ und weniger graue Substanz und andere Gehirnverbindungen. All diese Faktoren sind schon vor der Geburt festgelegt, so auch die sexuelle Orientierung, nimmt man an. Die sexuellen Instinkte werden beim Anblick eines Kindes eher getriggert als der „normale“ Beschützer-Instinkt. Durch die heute fortgeschrittene Gehirnforschung konnte man sogar feststellen, dass die Gehirne von SexualstraftäterInnen von Kindern anders funktionieren anders als bei StraftäterInnen von Erwachsenen: Je höher der IQ eines Täters, desto älter waren seine Opfer. (Das bedeutet nicht, dass pädohebephile TäterInnen dumm sind. Auch Rassisten und Rechtsextreme scheinen einen niedrigeren IQ zu haben und sie sind (auch) unsere Politiker, Wissenschaftler und Denker.)

Nur die Biologie ist schuld? Trotz der biologischen „Basis“, ist die Umwelt nicht irrelevant. Geringe Sozialkompetenz, Isolation, geringes Selbstwertgefühl, Angst vor Zurückweisung, mangelnden Durchsetzungsvermögen, Gefühle der Unzulänglichkeit und Mangel an sexuellem Wissen führen eher dazu, dass Menschen mit einer pädohebephilen Neigung zu SexualstraftäterInnen werden. Auch die Erziehung und andere Umweltfaktoren sind für das Ausleben seiner Triebe relevant, jedoch nicht für die angeborenen Triebe. Das bedeutet: Triebkontrolle durch Erziehung. Aber nicht Triebe durch Erziehung.

Wie viele? In einer anonymen Umfrage gaben 6 % der Männer und 2 % der Frauen an, sich einem Kind eventuell sexuell zu nähern, wenn es keiner sehen und nicht strafrechtlich verfolgt werden würde. Wenn man das auf die deutsche Bevölkerung (2019) hochrechnen würde, wären das knapp 5 Millionen Männer und 1,66 Millionen Frauen als potenzielle TäterInnen. Laut eines Berichts der UK National Crime Agency (2015) hat einer von 35 erwachsenen Männern ein sexuelles Interesse an Kindern (ca. 3 %). Das wären in Großbritannien etwa 750.000 Männer, von denen 250.000 Männer pädohebephile Neigungen hätten. Es gibt in geringerer Anzahl auch Frauen, die sexuelles Interesse an Kindern haben. In unserer Gesellschaft ist es schlicht weg unnormal und absurd, Frauen als TäterInnen zu sehen oder ihnen sexuelle Misshandlung nachzusagen.

Wo? Eine amerikanische Psychologin fand heraus, dass die meisten sexuellen Kindesmissbräuche im Bekanntenkreis, in der Nachbarschaft und innerhalb der Familie stattfinden. Meist sind es männliche Verwandte der Opfer, jedoch selten der eigene Vater. Die PKS (polizeiliche Kriminalstatistik) erfasste in Deutschland (2019) fast 16.000 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch (Bundeskriminalamt, 2015). Andere Studien gehen von einer bis zu 30fach höheren Dunkelziffer als die in der PKS erfassten Fälle aus.

Warum ist die Dunkelziffer so hoch? Studien belegen, dass ca. ein Drittel der Taten sich im familiären Umfeld ereignen, aus dem wesentlich seltenen Anzeigen erstattet werden.

Auf welche Art? Die Produktion von „Kinderpornografie“ beruht auf der sexuellen Ausnutzung von Kindern. Deswegen ist es angemessener, von sexuellen Missbrauchsabbildungen (MA) zu sprechen, auch wenn der Begriff „Kinderpornografie“ in Literatur und Rechtsprechung allgemein bekannter ist. Dem allgemeinen Verständnis halber, verwende ich diese Begriffe gleichermaßen.

Kinderpornografie zu konsumieren bedeutet nicht, Kinder im realen Leben zu missbrauchen. Trotzdem kann die Nutzung von MA nicht als „opferloses Verbrechen“ angesehen werden: Die Beschaffung kann die Nachfrage für weitere Produktion erhöhen. Die Opfer dieser Produktion beklagen andauernde Traumatisierung durch das Wissen, dass die Dokumentation des an ihnen verübten sexuellen Missbrauchs öffentlich gemacht wurde und weiterhin zugänglich ist.

Laut PKS gab es im Jahr 2019 mehr als 12.000 erfasste Fälle von Verbreitung, Erwerb und Besitz von kinderpornografischen Darstellungen. Das zeichnet einen Anstieg von 65 % zum Vorjahr. Diese erhöhte Aufdeckung liegt vor allem an der besseren Zusammenarbeit der Länder und den Daten amerikanischer Dienste wie Facebook oder Google (Bundeskriminalamt, 2020). Ich muss nicht noch einmal verdeutlichen, dass die Dunkelziffer wohl bei einem Vielfachen liegt. In einer kürzlich veröffentlichten repräsentativen Untersuchung an deutschen Männern gaben 2,4 % an, bereits MA genutzt zu haben.

Warum MA im Internet so beliebt sind? Zugänglichkeit, Erschwinglichkeit, Anonymität. So wie jeder technische Fortschritt seine Vor- und Nachteile hat, sehen wir hier vor allem die Nachteile. Die qualitativ hochwertigen MA sind überall ganz leicht speicher- und abrufbar. Die Bequemlichkeit sowie das scheinbar geringe Risiko, strafrechtlich verfolgt zu werden, tragen zu einer steigenden Anzahl von Konsumenten bei. In Zeitschriften hätten sie wohl eher nicht aktiv nach Kinderpornografie gesucht.

„Viele Nutzer rechtfertigen ihren Konsum und senken ihre Hemmschwelle durch externe Motivatoren. Diese könnten lauten: „Das Bild existiert doch eh“ oder „Wenigstens wird kein weiteres Kind missbraucht.“

Im Auge des Betrachters: Eine Unterscheidung zwischen MA und „Ich poste ein Bild von meinem Kind im Internet“ ist wichtig. Diese so genannten Kindererotika sind sexuell nicht-explizite Darstellungen von Kindern, die dennoch einem sexuellen Zweck dienen. So muss ein Bild nicht die Legalkriterien für Kinderpornografie erfüllen, um als „Wichsvorlage“ zu dienen. Das Veröffentlichen von Bildern seiner süßen und halbnackten Kinder auf sozialen Medien trägt maßgeblich dazu bei. Es liegt im Auge des Betrachters, wie sexualisierbar die Abbildung eines Kindes ist und inwiefern es die Basis für sexuelle Fantasien, sexuelle Erregung und Selbstbefriedigung bilden kann.

Online-Täter zu Offline-Täter? Den Zusammenhang zwischen dem Konsum von Kinderpornografie und sexuellen Kindesmissbrauch zu untersuchen, gestaltet sich schwierig, da nur wenige TäterInnen gleich beide Taten gestehen. Trotzdem konnte man basierend auf bisherigen Forschungen allgemeine Charakteristika der Kinderpornografie-NutzerInnen aufstellen: Nur 12,5 % der verurteilten Online-TäterInnen hat eine Kontaktstrafe (Treffen mit Kindern, sexualisiertes Verhalten) begangen. Die Menschen, die sowohl online als auch offline aktiv waren, sind nach einer Festnahme am ehesten rückfällig geworden. Allgemein stellte man fest, dass „ausschließliche Pornografie-TäterInnen“ eher Mitgefühl mit dem Opfer empfanden und kein zusätzliches Leid durch eine Kontaktaufnahme verursachen wollten.

Opferempathie als Hemmnis zur Kontaktaufnahme? Laut neusten Untersuchungen hält (Opfer-) Empathie Menschen mit einer pädohebephilen Neigung am ehesten davon ab, KontakttäterInnen zu werden.

Das Motto des Präventionsprojektes Dunkelfelds „Damit aus Fantasien keine Taten werden!“ sowie der Leitsatz „Lieben Sie Kinder mehr, als i/Ihnen lieb ist?“ wurden Bestandteil einer bundesweiten Medienkampagne. Die vermittelte Botschaft lautete: „Du bist nicht schuld an Deinen sexuellen Gefühlen, aber Du bist verantwortlich für Dein sexuelles Verhalten. Es gibt Hilfe! Werde kein Täter!“

Die Triebkontrolle und das Nicht-Ausleben seiner pädohebephilen Neigung, wird, wie wir gesehen haben, zumindest teilweise durch gute Erziehung, ein besser funktionierendes Gehirn und bessere Unterstützung später im Leben, unterstützt. Die bisher relativ begrenzte Forschung deutet aber darauf hin, dass das sexuelle Verlangen wahrscheinlich nicht geheilt werden kann.

Was tun? Schnipp-Schnapp, Hoden ab. Eine in Deutschland erlaubte Methode ist die Kastration. Die Entfernung der Hoden wird in Europa jedoch scharf kritisiert. Eine chemische Kastration dagegen, erfolgt durch die Einnahme von Antiandrogen, die eine Erektion fast unmöglich machen. Die Forschungen zur chemischen Kastration scheinen vielversprechend, Analysen ergaben aber, dass die Qualität der Forschungen nicht ausreichend sei. Nur bei der freiwilligen Einnahme der Medikamente, konnte die Intensität der unakzeptablen sexuellen Triebe geschwächt werden. Denn wir wissen ja jetzt, dass eine Paraphilie sich im Gehirn befindet und nicht im Geschlechtsteil. Die Betroffenen durch Chemikalien umpolen zu können ist ein Mythos. Zum Glück. Sonst wäre auch eine Umpolung einer homosexuellen oder bisexuellen Neigung möglich.

Ersatz für reale Kinder? Der Markt für Pädohebephile ist vielfältig. So können sie auf Pornografie von Erwachsenen zurückgreifen, die wie Kinder angezogen sind. Eine andere Möglichkeit sind realistische Kindersexpuppen oder japanische Anime. Auch „kindliche“ Sexroboter sollen auf den Markt kommen. Diese Formen der Triebbefriedigung haben das Potenzial einen „geeigneten“ Ersatz für menschliche Kinder zu schaffen. Sie haben aber auch das Potenzial, eine Misshandlung zu normalisieren.

Wir wissen eigentlich gar nichts über die Potenziale. Es besteht ein dringender Bedarf an Forschungsarbeit zur Schadensreduzierung und nicht nur zur Bestrafung. Es sollte immer ein Ziel der Forschung sein, keine weiteren Opfer in Kauf zu nehmen, anstatt die TäterInnen später immer härter zu bestrafen. Viele Studien zur Bestrafung zeigen, dass sie eigentlich nur eines bringen: Nur noch mehr Leid.

Bessere Möglichkeiten? Wenn das Schweigen der Täter und Opfer gebrochen würde, Anlaufstellen und Hotlines geschaffen und mehr Verständnis herrschen würde, wäre die Chance der Triebkontrolle viel höher. Pädohebephile zu ächten oder sie auszugrenzen ist kein Mittel, um sie an ihren Trieben zu hindern. Das Präventionsprojekt Dunkelfeld in Deutschland ist das einzige Projekt weltweit, das den TeilnehmerInnen völlige Anonymität gewährt. Es hat sich zum Ziel gemacht, angemessene psychologische Unterstützung anzubieten, um die Betroffenen vom Ausleben ihrer Triebe abzuhalten. Das Problem ist, dass eine Vielzahl der Therapien erst nach dem Vergehen angefangen werden.

Dann, wenn das Leid in den Kindern schon verursacht wurde. Deshalb ist es gut, dass es schon ein paar Kliniken gibt, die die Therapien vor einer Tat beginnen. Die sexuellen Fantasien über Kinder reichen, um Unterstützung zu erhalten. Problem: Viele Pädohebephile haben berechtigterweise Angst, dass nur durch das Äußern ihrer Fantasien, die Polizei informiert wird. Es sind keine Einzelfälle, dass Menschen mit einer pädohebephilen Neigung, die Unterstützung suchen, am Ende in ein Gefängnis gesteckt wurden (ohne je eine Straftat begangen zu haben). Und „lustigerweise“ sind sie selbst zwischen den Mördern und Dieben im Gefängnis, der Abschaum in Person.

Also eine strickte Schweigepflicht? Was kann ein Therapeut also tun, dass kein Unschuldiger ins Gefängnis muss? Die Klappe halten. Ohne eine strickte Schweigepflicht funktioniert das System nämlich nicht. Diese Methode ist jedoch mehr als umstritten. Wenn jemand gerade ein Kind missbraucht und seinen TherapeutInnen davon erzählt, muss die Polizei und die Allgemeinheit das wissen. Aber nur wenn Pädohebephile über ihre Fantasien und Taten sprechen und nicht isoliert werden, können sie Hilfe bekommen und verhindern weiterhin ihre Triebe auszuleben.

In vielen Therapien berichten Betroffene, dass es sie erleichtert, endlich mit jemandem über ihre Neigung zu sprechen und ihre eigenen Fantasien zu verstehen. Das Erkennen „Ich fühle mich Kindern sexuell hingezogen“ an sich, kann traumatisch sein. Verschiedene Projekte wollen ermutigen, verantwortungsvoll mit den Trieben umzugehen. Ziel ist es, Fehlüberzeugungen („Kinder haben sexuelles Interesse an mir“) aufzuklären und aufzugeben. So kann das Risiko eines Vergehens reduziert werden.

Und die Helfer? Nur etwa 5 % der ambulant PsychotherapeutInnen in Deutschland sind bereit, mit pädohebephilen PatientInnen zu arbeiten. Von den Auszubildenen können sich über 60 % nicht vorstellen, mit einem bereits übergriffig gewesenen pädophilen Menschen zu arbeiten. „Dementsprechend äußert ein Großteil pädophiler Menschen, dass die Angst vor Stigmatisierung durch TherapeutInnen der Hauptgrund sei, keine therapeutische Hilfe zu suchen.“ (Klaus Beier u.a.)

Wer verhindert vor allem die Suche nach Unterstützung? Die Gesellschaft. Leider gibt es noch keine Gesellschaft, die die Pädohebephilie als angeborene sexuelle Abweichung anerkennt, also auch keine die flächendeckende Hilfe anbietet, also auch keine, in der viele Betroffene sich Hilfe suchen. „Die Gesellschaft reagiert auf pädophile Menschen mit starken negativen Emotionen, sozialer Ausgrenzung und Stigmatisierung.“ (Klaus Beier u.a.) Wo kein Bedarf an Verständnis besteht, da gibt es auch keine Nachfrage an Forschung. Somit gibt es kaum finanzierte Langzeitstudien zu Therapieansätzen und Erfolgen. Aber wir wissen, dass durch Projekte wie Dunkelfeld, die Entmenschlichung aufgehoben wird und die Betroffenen lernen, sich mit ihren Trieben auseinanderzusetzen, anstatt sie zu verdrängen, ignorieren oder auszuleben.

Was bedeutet das für die Behandlung? 2016 veröffentliche eine französische Psychologin ihre Ergebnisse zu einer Umfrage mit Pädophilen über ihr Leben. Viele Betroffene berichten, dass sie Probleme damit hatten, sich ihre sexuellen Interessen in der Pubertät einzugestehen. Eine Folge dieser Unterdrückung seien psychische Störungen. Diese bestärkten nur das Begehen einer Sexualstraftat während der Adoleszenz. Eine angemessene Intervention in der Jugendzeit hätte die TäterInnen auf einen anderen Weg bringen können. Schließlich sind auch Pädohebephile menschliche Wesen, die sowohl leiden als auch großes Leid zufügen können. Größere Offenheit und soziale Unterstützung scheint der Schlüssel zu sein. „Das Humanisieren sei der einzige Weg, die Betroffenen von ihren Anziehungen, aber nicht von ihren Taten freizusprechen.“ (Julia Shaw)

Und die Kinder? Der sexuelle Missbrauch im Kindesalter hat fatale Auswirkungen für das Opfer. Sowohl die psychische als auch die soziale Entwicklung der Kinder und Jugendliche verläuft oft nicht gesund und ihre Verhaltensprobleme erfordern professionelle psychologische Hilfestellung. Die Betroffenen klagen über körperliche Schmerzen, Infektionen und Depressionen (bis hin zum Suizidversuch). Ihr ganzes Leben wird von jenem Missbrauch begleitet und schlägt sich auf den Körper und das Seelenleben nieder. Auch wurde eine Abnahme der grauen Hirnsubstanz in den Arealen des somatosensorischen Kortex nachgewiesen, die die Genitalregion verschalten.

Also werden Opfer eher zu Tätern? Wie wir vorher gesehen haben, haben SexualstraftäterInnen im Durchschnitt weniger graue Gehirnsubstanz. Die Opfer von sexuellem Missbrauch haben zwar ein erhöhtes Risiko Verbrechen zu begehen, wir dürfen die Assoziation „vom Opfer zum Täter“ aber nicht überbewerten. Der Kreislauf der kindlichen Misshandlungen ist ein Irrglaube. Die meisten Täter sind selbst nicht missbraucht worden.

Und die Kinder, die bildlich zur Show gestellt wurden? Vor allem die Tatsache, dass die Kinder einem Missbrauch, einer Dokumentation sowie einer Verbreitung nicht zugestimmt haben und dass die Bilder kaum mehr aus dem Netz entfernt werden können, setzt die Missbrauchssituation fest.
Stell dir vor du möchtest deine Missbrauchserfahrung verarbeiten, mit dem stetigen Wissen, dass immer noch unzählige Menschen auf diese Bilder zugreifen können. Damit sind auch Bilder gemeint, die keinen Missbrauch abbilden, sondern frei und nach Vorliebe sexualisiert werden können. Stichwort: Kinder in sozialen Medien.

Also wie können wir unseren Kindern am ehesten helfen? Indem wir ihren TäterInnen helfen. Wenn wir uns offen mit der Veranlagung zur Pädohebephilie auseinandersetzen, auch wenn das unseren inneren Überzeugungen sehr widerstrebt, können wir Kinder dadurch eher schützen, als wenn wir die Pädohebephilen stigmatisieren und ausgrenzen.

Die Stigmatisierung führt bei vielen Betroffenen neben weiteren Begleiterkrankungen wie Depressionen unter anderem auch zu sozialer Einsamkeit und Isolation – einem in der Forschung bekannten Risikofaktor für das Begehen sexueller Übergriffe auf Kinder. 

Sich von der Angst leiten zu lassen, hat noch nie zum Fortschritt geführt. Pädohebephile sind ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft und können den Zahlen zufolge unsere Nachbarn, Bekannte und KollegInnen sein. Wir können nur den Versuch starten, dass so wenige Erwachsene wie möglich zu TäterInnen werden und dazu aktiv Forschung und Unterstützung betrieben. Denn: Pädohebephile haben sich nicht für ihre sexuelle Neigung entschieden.

Findest du Kinder nicht nur süß, sondern auch hübsch, attraktiv oder anziehend? Zeige einer Vertrauensperson diesen Beitrag und mache darauf aufmerksam, dass du diese Gedanken nicht haben möchtest. Suche dir Hilfe, zum Beispiel auf http://www.kein-taeter-werden.de. Jeder Mensch auf dieser Welt wird dir dafür dankbar sein.

Quellen:

Shaw, J.: Böse: Die Psychologie unserer Abgründe (2018), Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 3. Auflage

Bundeskriminalamt (2020): Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2019: https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/PKS2019/pks2019_node.html

Lackinger, F.: Psychoanalytische Überlegungen zur Pädophilie (2009), Psychotherapeut 54,262–269

Wiebking, C.; Witzel, J.; Walter, M.; Gubka, U.; Northoff, G.: Vergleich der emotionalen und sexuellen Prozessierung zwischen Gesunden und Patienten mit einer Pädophilie – eine kombinierte Studie aus Neuropsychologie und fMRT (2006)

Beier, K.; Amelung, T.; Grundmann, T.; Kuhle, L.: Pädophilie und Hebephilie im Kontext sexuellen Kindesmissbrauchs (2015), Sexuologie 22 (3–4), S. 127–136, Deutsche Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft, http://www.sexuologie-info.de

Kuhle, L.; Schlinzig, E.; Beier, M.: Prävention der Nutzung von Missbrauchsabbildungen (2015), Sexuologie 22 (3–4), S. 185–190, Deutsche Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft, http://www.sexuologie-info.de

Wagner, J.: Medienarbeit im Präventionsnetzwerk Kein Täter werden (2015), Sexuologie 22 (3–4), S. 137–144, Deutsche Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft, http://www.sexuologie-info.de

Bilder: http://www.unsplash.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: