Hilf mir, es selbst zu tun.

Wöchentlicher Gedankenfluss

Über die geforderte und angebotene Unterstützung

Meine Leistungsfächer im Abitur waren Pädagogik und Deutsch. Auch wenn immer noch ein großes Fragezeichen beim Gebrauch der deutschen Grammatik oder der Kommasetzung über meinem Kopf schwebt, bedeutete ein Text analysieren oder eine Rezension über ein Buch schreiben Spaß für mich. Es bringt mir Freude, mir den Kopf über die Wortwahl und die Intentionen der AutorInnen zu zerbrechen. Genauso genieße ich es, seitenlange Abhandlungen über pädagogische Theorien und Experimente zu lesen. Wahrscheinlich überrascht es keinen meiner Freunde, dass gerade der psychologische Anteil der bildungswissenschaftlichen oder sozio-kulturellen Annahmen mich fasziniert. Und auch nicht, dass ich in meiner Abiturprüfung über 26 Seiten darüber schrieb.

Soweit ich mich recht erinnere, behandelten wir in der 10. Klasse die Montessoripädagogik, geprägt durch die Namensgeberin Maria Montessori. In ihrer Pädagogik wird das Kind als „Baumeister seines Selbst“ beschreiben und die Individualität des Heranwachsenden steht im Vordergrund. In einer vorbereiteten Umgebung, gemäß einer äußeren Ordnung und angemessenem Material, darf das Kind sich frei bewegen und den Tätigkeiten nachgehen, an denen es Interesse findet. Die ErzieherInnen übernehmen die Rolle des Helfers & Unterstützers, führen das Kind an das Lernen heran und ziehen sich dann zurück. Sie fungieren als BeobachterInnen und schreiten nicht ein. Sie ebnen dem Kind ein Weg in die Selbstständigkeit, gemäß Montessoris Leitspruch „Hilf mir, es selbst zu tun.“

Obwohl ich mich nicht mit der „richtigen Erziehung“ beschäftigen möchte (zumal es die in meinen Augen auch nicht gibt), sondern mit der Frage, wie „richtige Unterstützung“ aussieht, kommt mir immer wieder der Leitspruch Montessoris in den Kopf: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Diese Aussage impliziert, dass man es auch allein tun könnte, wenn man das wollte. Aber sie impliziert auch, dass man um Hilfe bitten kann und Unterstützung in seiner Tätigkeit braucht, um sich zu einem selbstständigen und selbstbewussten Menschen zu entwickeln. Wenn es in einer anerkannten und mehrfach angewandten Pädagogik essenziell ist, unterstützt zu werden, um etwas aus eigener Kraft zu schaffen, wieso ist es dann in unserer heutigen Gesellschaft eher ein Zeichen der Schwäche oder des Versagens, unsere Mitmenschen um Unterstützung zu bitten?

Was bedeutet Unterstützung überhaupt? Ich beginne mit einer Definition aus dem Duden: „Un·ter·stüt·zung, die: 1. das Unterstützen, Helfen, Fördern, z.B. „bei jemandem keine Unterstützung finden“, 2. bestimmter Geldbetrag, mit dem jemand unterstützt wird, z.B. „eine Unterstützung beantragen, beziehen“. Demnach kann Unterstützung aktiv durch eine persönliche Hilfestellung, zum Beispiel durch investierte Kraft oder Zeit passieren oder passiv in Form von Geld. Unterstützung ist ein so vielseitiger und in jedem Kontext gebrauchter Begriff, dass ganze Bücher geschrieben und Forschungen nur auf Grundlage seiner Bedeutung und seiner Auswirkung betrieben wurden. Viele AutorInnen und WissenschaftlerInnen schreiben über soziale Unterstützung, politische Unterstützung und ökonomische Unterstützung. Ich aber widme diesem Beitrag ganz speziell der allgemeinen „geforderten vs. angebotenen“ Unterstützung.

Die angebotene Unterstützung: Die wahrscheinlich wichtigsten Fragen, die wir einer Person stellen sollte, die wir gerne unterstützen würden, sind: Was kann ich sagen oder machen, was dir hilft? Wie sieht eine gute Unterstützung gerade für dich aus? Was brauchst du in deiner jetzigen Situation? So vielseitig und unterschiedlich wir Menschen sind, so vielseitig und unterschiedlich sind auch die Situationen, in denen wir uns befinden. Und genauso vielseitig und unterschiedlich muss demnach doch auch unsere Bedeutung von Unterstützung aussehen, oder?

Ein Beispiel: Mein Papa arbeitet sehr viel und hart. Als Schichtleiter trägt er viel Verantwortung und ist Überstunden gewohnt. Durch den immer wechselnden Schlafrhythmus im Schichtdienst ist er nicht selten übermüdet und schnell reizbar. Wie sieht eine gute Unterstützung für ihn aus?

1. Wer unterstützt mich und in welchem Kontext? In seiner Firma hat mein Papa sicherlich KollegInnen, mit denen er sich sehr gut versteht und welche, mit denen er nicht immer gut zurechtkommt. Das scheint normal. Wenn ihn ein Mitarbeiter fragt, was er als nächstes machen kann, da er all seine Aufgaben erfolgreich erledigt hat, kann mein Papa ihm jetzt eine neue Aufgabe geben, die ihn selbst oder seine Schichtkollegen im besten Fall entlasten. Mein Papa erfährt Unterstützung durch einen Arbeitskollegen im professionellen Kontext.

Wenn mein Papa nach Hause fährt und ihm auf dem Weg ein Reifen platzt, ist er genervt. Jetzt muss er nach seiner 9 Stunden Nachtschicht auch noch einen Reifen wechseln. Ein junger Mann sieht den Vorfall und hält hinter meinem Papa an. Er fragt ihn, ob er ihm helfen könne. Er selbst kenne sich gut mit dem Wechseln von Reifen aus und zu zweit ginge das Ganze sowieso viel schneller. Papa nimmt das Angebot dankend an und nach einigen Minuten kann er sorgenfrei weiterfahren. Mein Papa erfährt Unterstützung durch einen Fremden in einem „unglücklichen“ oder hilfesuchenden Kontext.

Als mein Papa Zuhause ankommt, steht noch kein Mittagessen auf dem Herd. Da er sehr kaputt ist, hat er wenig Lust, jetzt noch ein großes Festmahl zu zaubern. Da ruft meine Oma an: „Hallo, ich habe für dich mitgekocht. Du kannst gerne vorbeikommen.“ Er freut sich, da er jetzt in weniger als fünf Minuten ein warmes Mittagessen vor sich stehen hat und danach seine Siesta zum Energietanken antreten kann. Mein Papa erfährt Unterstützung durch seine Familie im hauswirtschaftlichen Kontext.

2. Wie unterstützt man mich gerade nicht? Wenn ein Arbeitskollege mit der guten Intention, sein Team zu entlasten, immer mehr Aufgaben einverleibt und sich vorher nicht wenigstens grob mit seinen Kollegen abspricht, kann es zu Missverständnissen kommen oder die Arbeit wird doppelt oder nur halbherzig erledigt. Obwohl der Mitarbeiter meinen Papa und das Kollegium unterstützen möchte, ist ihm nicht bewusst, was sein Team gerade braucht. Mein Papa erfährt keine konstruktive Unterstützung, obwohl jemand ihn unterstützen möchte.

In besagtem Reifen-ist-geplatzt-Szenario hält der junge Mann hinter dem Auto meines Papas an. Er schaut sich den geplatzten Reifen an und möchte helfen, weiß aber nicht genau wie. Mein Papa ist bereits im Modus und möchte zudem keinem zur Last fallen, da er den Reifen auch mühelos allein wechseln kann. Er signalisiert dem jungen Mann, dass er ruhig fahren könne. Obwohl dieser ihm helfen will, findet keine Kommunikation statt und keiner versteht das genaue Bedürfnis des anderen. Mein Papa investiert mehr Kraft und Zeit in die unglückliche Situation und erlebt zudem eine frustrierende Begegnung mit einem Fremden. Mein Papa erfährt keine fördernde Unterstützung, obwohl jemand ihn unterstützen möchte.

Endlich Zuhause angekommen, knurrt der Magen meines Papas lautstark. Er ärgert sich darüber, dass wir nichts vom Mittagessen für ihn übriggelassen haben. Voller Enttäuschung stopft er eine Banane in sich hinein und stellt ein Kochtopf mit heißem Wasser bereit. Ihm kommt zwar der Gedanke, dass seine Mama bestimmt noch Essen von heute Mittag übrighaben müsste, möchte aber nicht, dass sie extra für ihn kocht, sollte dies nicht der Fall sein. Als das Telefon klingelt, ist er zu müde, um sich auf ein Gespräch einzulassen. Zudem muss er sich um seine Nudeln kümmern. Mein Papa erfährt keine familiäre Unterstützung, obwohl jemand ihn unterstützen möchte.

Die geforderte Unterstützung: Unterstützung einzufordern oder sie auszunutzen liegt wahrscheinlich im Auge des Betrachters und in seiner Einstellung. Auf jeden Fall liegt beides oft dicht beieinander. Auch wenn wir um Unterstützung bitten oder sie mal einfordern, sollten wir sie nie als selbstverständlich sehen und schon gar nicht jemandem damit Schaden zufügen. Seinen Kollegen um einen Gefallen bitten oder ihm ungefragt mehr Arbeit aufzuheizen, einen Verkehrsteilnehmer um seine Skills beim Reifenwechsel bitten oder ihn das Problem allein lösen zu lassen, ein Familienmitglied zu bitten, etwas vom Mittagessen übrigzulassen oder ihn zu zwingen, auch mal etwas für einen zu tun, hat immer etwas mit unserer eigenen Einstellung zu tun. Und mit unserem Ton.

Was bedeutet das für meinen Papa? Wie sieht eine hilfreiche Unterstützung in den zuvor beschriebenen Szenarien für ihn aus? Das kann wahrscheinlich nur er selbst beantwortet. Ich wage einen Vorschlag:

3. Wie sieht eine hilfreiche Unterstützung gerade für mich aus? Mein Papa sieht seinen Arbeitskollegen andere Aufgaben erledigen als die, die ihm vorher zugeteilt wurden. Er erkundigt sich, warum er so viele Tätigkeiten aufgenommen habe und erfährt so, dass der Kollege schon fertig sei und sein Team unterstützen möchte, in dem er Aufgaben der anderen übernehme. Um niemandem vor den Kopf zu stoßen, habe er nichts davon gesagt. Mein Papa freut sich über den Enthusiasmus am Arbeitsplatz und bedankt sich bei seinem Teammitglied für die Hilfe. Dann sagt er: „Am besten würdest du mich jetzt unterstützen, wenn du die Aufgabe xy übernimmst. Wenn du das nächste Mal mit einer Tätigkeit schneller fertig bist als erwartet, sprich dich bitte mit deinen anderen Kollegen ab, damit keine Arbeit doppelt oder nur halbherzig erledigt wird. Danke für deine Unterstützung.“

Auf dem Weg nach Hause, platzt der Reifen und ein junger Mann schaut sich das Spektakel an. Mein Papa bemerkt, dass der Fremde ihm helfen möchte und begrüßt ihn: „So ein Scheiß, dass mir das jetzt passiert ist. Wenn Sie Zeit haben, würde ich Ihre Hilfe gerne annehmen. Während ich den Wagenheber betätige, könnten Sie schonmal den Ersatzreifen holen. Danke für Ihre Unterstützung.“

Zuhause angekommen, entdeckt mein Papa nur eines, nämlich nichts. Nichts leckeres, was schnell seinen großen Hunger stillen könnte. Er greift zum Hörer und erkundigt sich, ob meine Oma noch etwas vom Mittagessen übrighabe. „Wenn es dir keine Umstände bereitet, würde ich gerne zum Essen vorbeikommen. Ich habe gerade einfach keine Kraft mehr, noch groß zu Kochen. Danke für deine Unterstützung.“

Keine der beschriebenen Situationen, in denen mein Papa um Unterstützung bittet, tun ihm selbst oder der anderen Person weh. Durch kein Wort signalisiert er dem anderen, dass er ihn ausnutzen oder überlasten möchte. Er bedankt sich, auch wenn es sich nur um einen kleinen Gefallen handelt.

Fazit: Was bedeutet das für mich als Außenstehende? Ist es meine Aufgabe als Tochter, meinen Papa zu fragen, wie ich ihn am besten unterstützen und entlasten kann? Oder ist es die Aufgabe meines Papas, Hilfe bei mir einzufordern und mir mitzuteilen, was er in seiner jetzigen Situation von mir brauchen könnte? Wahrscheinlich ist das Gesündeste einen Mittelweg zu finden. Unterstützung anzubieten und sie auch mal einzufordern erscheint mir vernünftig und umsetzbar. Schön wäre, wenn dies in einem freundlichen Dialog stattfinden könnte: Mein Schatz, ich brauche deine Unterstützung. Es würde mich sehr entlasten, wenn du am Freitag einmal das Wohnzimmer aufräumen und wischen könntest. Damit wäre mir sehr geholfen, da wir direkt nach meiner Schicht schon Besuch erwarten. Oder Papa, ich sehe, dass du müde bist. Leg dich doch eine Stunde hin und ich mähe in der Zeit den Rasen. Danach kannst du dann mit neuer Energie den Rest erledigen, der noch auf deiner Liste steht. Damit behaupte ich nicht, dass es leicht ist, ein solch unterstützendes Verständnis für den anderen aufzubauen. Oft klingt es bei meinem Papa und mir eher so: Wieso kannst du nicht einmal etwas im Haushalt tun, wenn du schon hier wohnst. Wischen und aufräumen? Kannst du das überhaupt? Das kannst du am Freitag erstmal beweisen. Oder Meine Fresse, Papa! Wenn du schon wieder so gereizt bist, mähe ich halt den Scheiß Rasen, damit zu mal runter kommst. Gute Nacht!

Ja, mein Papa und ich sind uns ähnlich und doch sehr verschieden. Unsere Unterstützung dem anderen gegenüber passiert im Normalfall ohne Worte, sodass wir oftmals nicht merken, dass wir gerade unterstützt werden. So fällt der Döner, dem ich ihm geholt habe, die Fahrt zur Arbeit, die er mir spendiert hat oder die lieben Worte, die wir bei Dritten über den anderen verlieren, oft unter den Teppich. Oder all diese Dinge sind zur Selbstverständlichkeit geworden. Familiäre Unterstützung wird oft vorausgesetzt und ohne Scheu eingefordert. Denn man ist schließlich Familie. Wenn man dort keine Unterstützung findet, wo dann? Ich kann es euch sagen: Bei FreundInnen, bei der Arbeit, im Park, beim Sport, auf der Straße, in der Begegnung mit sich selbst und seinen Bedürfnissen.

Kleine Unterstützung für die nächste Situation, in der man denkt, keine Unterstützung zu brauchen: Im Dialog mit sich selbst: Würde ich es allein schaffen? Ja. Brauche ich die Hilfe dringend? Nein. Muss ich mehr Zeit und Energie investieren, wenn ich es allein mache? Ja. Würde nach Unterstützung fragen mehr Energie und Zeit kosten, als es ohne Unterstützung „durchzuziehen“? Nein. Schade ich jemandem, wenn ich nach Hilfe frage? Nein. Wirke ich durch das Einfordern von Unterstützung weniger kompetent? Nein. Frage ich also einfach nach Unterstützung? Ja.

In einer Gesellschaft, in der wir zu übereifrigen AlleskönnerInnen gezüchtet werden, in der wir aber gleichzeitig so individuell und besonders wie möglich sein sollen, brauchen wir mehr Unterstützung als je zuvor. Kommuniziere, wie eine gute Unterstützung gerade für dich aussieht und was du in deiner jetzigen Situation brauchst! Lasst uns einander helfen, es selbst zu tun!

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