Hallo, mein innerer Rassist.

Wöchentlicher Gedankenfluss

Über den 25. Mai 2020 – Der Todesfall von George Floyd

Auf diversen Social-Media-Kanälen gibt es derzeit nur ein Thema: Den Tod von George Floyd, 45-jähriger Afroamerikaner aus Minneapolis, USA. Über 8 Minuten kniete ein Polizist nach der Festnahme des besagten Mannes auf seinem Nacken. Die Passanten, die den Polizisten aufforderten von George Floyd abzulassen, wurden von drei weiteren Polizisten zurückgehalten. Erst als der Krankenwagen anrückte, ließ der Polizist Derek Chauvin sein Opfer frei. Wenig später starb der Afroamerikaner im Krankenhaus. „I can’t breathe“ – die Worte von George Floyd, die um die Welt gehen und unter dessen Motto zahlreiche Proteste in den USA und auf der ganzen Welt gestartet wurden.

Als ich von dem Vorfall höre und die Bilder im Fernseher sehe, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken. In George Floyds Gesicht ist kein Ausdruck mehr. Im Gesicht des Polizisten schon: eine Mischung aus Gleichgültigkeit und Stolz. Im ersten Moment denke ich: Schade (und schrecklich), dass der Rassismus immer wieder Gewaltopfer fordert, ohne die das Thema aber nur selten eine derart hohe Stellung in der Gesellschaft und in den Medien bekommt. Schade, dass der Rest der Welt erst auf die Straße geht, wenn ein Mensch „für die Sache“ oder besser gesagt „wegen der Sache“ sein Leben lassen musste. Schade, dass ich erst solch schlimme Nachrichten hören/sehen muss, um meinen eigenen Rassisten in mir zu hinterfragen.

Bei dem Gedanken, auch ein Teil der Rassismus Bewegung zu sein und es nicht bewusst zu merken, werde ich unsicher. Also frage ich mich, was ich zu der Debatte beitragen kann und was die Debatte in mir selbst bewegen kann. Ich bin weder leidenschaftliche Aktivistin, noch trage ich durch Forschung zum Thema bei. Also entscheide ich mich, erstmal den Dialog mit mir selbst zu suchen. Trage ich einen rassistischen Teil in mir? Bin ich mir meinen Vorurteilen gegenüber anderen Menschen bewusst? Und wenn nicht, wie kann ich sie mir bewusst machen, überdenken und sie hoffentlich überholen?

Bevor ich meinen inneren Rassisten auf einen Kaffee einlade, führe ich erstmal ein nettes Gespräch mit meinem Toleranten Ich. Wir kennen uns schon sehr lange und es stärkt mich in meinem Vorhaben. Es ist der weltoffene Anteil meiner Persönlichkeit, von dem ich denke, dass er gegen meinen intoleranten Anteil dominiert. Ich rede immer gern mit ihm: Hallo liebes Tolerantes Ich. Ich freue mich, dass du eine so präsente und laute Stimme in meinem Kopf gefunden hast. Du bist mutig und offen und freust dich auf jeden neuen Kontakt. Du bist interessiert an verschiedenen Religionen, Kulturen und ihrer Geschichte; diverse Philosophien begeistern dich. Du bist emphatisch und mitfühlend. Dank dir besitze ich die Fähigkeit, mein Handeln gegenüber „andersartigen Menschen“, gegenüber jenen die nicht aussehen wie ich, nicht aus dem gleichen Land kommen wie ich, nicht die gleiche Sprache sprechen wie ich oder nicht an das gleiche glauben wie ich, zu überdenken und ein offenes Ohr zu schenken. Du teilst nicht immer die Meinung anderer, aber du hörst sie dir an und verstehst, dass ein Mensch nicht weniger wert ist, nur weil er nicht so ist wie du bzw. ich. Du bist, so glaube ich ganz fest, lauter und stärker als das ängstliche Rassistische Ich in mir. Dank dir fällt es mir leichter, im stetigen Prozess, ein weltoffener Mensch zu werden, sein und bleiben. Dank dir schere ich nicht alle „Schwarzen“, „Flüchtlinge“ oder „Ausländer“ über einen Kamm. Dank dir spreche ich fünf Sprachen und lebte bereits in drei Ländern. Und all das voller Freude und nur selten begleitet von Zweifeln oder Angst. Meine Freunde aus Peru, Frankreich, Columbien, England, der Türkei, Irland, Belgien und Spanien zeigen dir, wie man durch Diversität wächst. Grenzen verschieben sich, Hautfarben vermischen sich und Religionen verzweigen sich. Jeder Mensch hat den gleichen Wert.

Dann verabschiede ich mich vom schönen Teil dieser „Übung“ und erinnere mich daran, dass ich letztens im Internet ein Beitrag zu Rassismus und Vorurteilen sah. In der Miniserie 100 Humans (eine Netflix Original Serie) ging es in Folge 4 um unbewusste Vorurteile. In Experimenten mit den 100 Teilnehmern, die einen repräsentativen Durchschnitt der amerikanischen Bevölkerung darstellen sollen, wurde zu Beginn der Folge die Selbstüberschätzung getestet. Sie ist das psychologische Phänomen, uns selbst im besseren Licht zu sehen als andere. Ein gutes Beispiel für Selbstüberschätzung wäre: „Ich gehöre zu den weltoffensten Personen meiner Stadt.“ In der Serie haben alle 100 Probanden eine rote Fahne in der Hand. Bei der Frage, ob man über sich selbst glaubt, man hätte weniger Vorurteile als der Durchschnitt, hoben 94 von 100 Personen ihre Fahne. Rein rechnerisch hätten nicht mehr als 50 Leute ihre Fahne heben dürfen. Das zeigt deutlich, dass die eigene Selbsteinschätzung nicht der Realität entsprechen kann. In einem weiteren Experiment wird untersucht, ob wir „andersartige“ Menschen, also jene die nicht aussehen wie wir, eher meiden. Auf einem Schießstand wird den Probanden erzählt, man würde ihre Reaktionsfähigkeit testen. Mit einer nicht geladenen Waffe gewappnet, müssen sie möglichst schnell Entscheidungen treffen. Dafür springen verschiedene Menschen plötzlich hinter Pappaufstellern hervor. Die potenziellen Angreifer verschiedener Ethnien haben eine Waffe oder ein Handy in der Hand und die Probanden müssen schnell abwägen, ob der Angreifer eine Gefahr darstellt (Waffe) oder nicht (Handy). Sie dürfen nur die bewaffneten Angreifer „erschießen“. Die eigentliche Untersuchung des Experiment bezieht sich aber auf die letzte Situation, in der ein weißer und ein schwarzer Mann aus den Verstecken kommen. Beide haben ein Telefon in der Hand. Statistisch gesehen müssten beide Männer gleich oft „versehentlich erschossen“ werden. Die Frage des Experimentes lautet: Macht deine Hautfarbe dich wahrscheinlicher zu einem Gewaltopfer zu werden?

Der Jura-Professor der USC, Jody Armour, sagt in einem Interview, dass jeder Mensch unterbewusste Vorurteile hat und dass das Gehirn anders arbeitet, wenn es Menschen aus anderen sozialen Gruppen sieht. Klischees sind laut ihm früh erlernte und tief in uns verwurzelte Assoziationen. Bei diesem Phänomen ist der Name Programm: Der „White Bias“. Er bezieht sich auf weiße Menschen (auch Kinder), die unterbewusste Vorurteile gegenüber Minderheiten haben. Trotzdem wurde in den Experiment auch deutlich, dass es sich bei Rassismus um ein gruppenübergreifendes Denken handelt. Obwohl 50 % der Probanden Latinos, Chinesen oder Afroamerikaner sind, richteten 2/3 aller Schießer ihre Waffe auf den Afroamerikaner. Als sich herausstellte, dass es sich bei dem dunkelhäutigen Mann um ein Mitglied der Crew handelt, begann eine Probandin an zu weinen. Ihr war das Team-Mitglied sehr ans Herz gewachsen und sie schoss auf ihn. Auch der Rest der Probanden kannte und mochte ihn. Trotzdem wurde er im Augenblick des Abdrückens nicht erkannt und sogar bevorzugt. Die Antwort auf die Frage des Experiments lautete: Ja, deine Hautfarbe macht dich wahrscheinlicher zu einem Gewaltopfer zu werden. Und dafür braucht man nicht einmal einem rassistischen Polizisten begegnen.

Es ist mir bewusst, dass ein Experiment mit 100 Menschen nicht sehr repräsentativ für die Realität stehen kann. Was ich mit diesem Beispiel zeigen möchte, ist, dass wir alle unterbewusste oder versteckte Vorurteile in uns tragen. Viele Autoren, Aktivisten, etc. beschäftigen sich gerade im Moment damit, Bücherlisten, Podcasts, Spendenaktionen und Filme zusammenzustellen, die uns für das Thema Rassismus und Vorurteile sensibilisieren sollen. Auch ich habe einige der Angebote gerne angenommen und nahm in vielen Momenten ein inneres Unbehagen war. Dieses Gefühl taucht in mir auf, wenn ich alte Annahmen über Bord werfen oder aufarbeiten muss.

Ich habe die vorurteilsbehafteten Anteile in der menschlichen Psyche nicht untersucht und ich habe dazu auch nur wenig „leichte Kost“ gefunden, die ich hier hätte aufnehmen können, aber ich persönlich bin der festen Überzeugung, dass fast alle Menschen einen inneren Rassisten in sich tragen. Der muss sich nicht auf eine andere Nationalität oder Hautfarbe beziehen; Frauen können Frauen diskriminieren, Schwarze können Schwarze hassen; Rechtsextremisten können Nazis verurteilen.

Mit dieser neu gewonnenen Erkenntnis, dass anscheinend auch ich unterbewusste Vorurteile in mir trage, schaute ich auf die Uhr: 15:30 Uhr – meine liebste Kaffeezeit. Meinem Toleranten Ich verbiete ich ab diesem Zeitpunkt für einige Minuten den Mund. Ich trete zum ersten Mal in meinem Leben ganz aktiv in den Kontakt mit meinen inneren Rassisten und versuche ihm so mitfühlend wie möglich zu begegnen, damit er sich mir öffnet: Hallo mein Diskriminierendes Ich. Schön, dass du mir zuhörst. Anscheinend gibt es dich schon länger in mir. Entschuldigung, dass ich dich immer loswerden und deine Bedürfnisse nicht verstehen wollte. Es ist mir schon öfters aufgefallen, dass du in mir Ängste und Zweifel vor „Andersartigkeit“ bzw. „Unbekanntem“ auslöst. Wovor hast du Angst? Wovor möchtest du mich beschützen? Mein innerer Rassist rollt die Augen. Es fällt dir schwer, Fehler zuzugeben. Jedoch möchte ich die Situationen, in denen du lauter als mein Tolerantes Ich wirst, verstehen. Wieso fühlst du dich oft besonders unwohl, wenn südländisch aussehende Männer mir hinterher pfeifen. Uns beiden ist doch keine Untersuchung bekannt, in der herausgefunden wurde, dass dunkle Haut zu ausgeprägter Frauenfeindlichkeit führt. Und ich habe noch keine türkische oder arabische Hebamme rufen hören: Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Sexist und wird mit gerade mal 16 Jahren das erste Mal handgreiflich gegenüber Frauen! Aber was ich ganz genau höre, ist deine viel zu laute Stimme in besagtem Szenario. Du rufst Zeitungartikel mit Überschriften wie „12-jähriges Mädchen von 30-jährigem Afroamerikaner vergewaltigt“ oder „Sie lauerten vor ihrer Haustür und warteten auf sie – drei Syrer aus dem Flüchtlingsheim“. Die Bilder meines ersten Übergriffes vor einigen Jahren, bei dem zwei fremde Männer mit dunklem Hautton ungefragt und unaufgefordert ein Tänzchen mit mir wagen wollten, werden dann präsent. Dazu sprachen diese Männer kein Wort Deutsch. Ich weiß, dass du dir aus den Erfahrungen einen Stereotypen zusammengebastelt hast: Groß + dunkle Haut + fremde Sprache = Gefahr. Und ich weiß auch, dass du mich durch deine Generalisierung beschützen möchtest. Danke lieber Aufpasser, dass du nicht möchtest, dass ich beim nächsten Mal keine Chance habe wegzulaufen. Danke, dass du durch die damit verbundene Angst Adrenalin frei setzt, sodass ich in einer gefährlichen Situation lauter schreien und schneller laufen kann. Es ist leider sehr erschreckend, dass zwei meiner fünf besten Freundinnen schon ähnliches widerfahren ist. Aber bitte mein Diskriminierendes Ich, hinterfrage doch einmal, ob du dich in der beschriebenen Situation von dem Geschlecht, der Sprache, der Hautfarbe, der Nationalität oder von diesen beiden individuellen Menschen bedrängt und eingeschüchtert gefühlt hast. Ich muss dich immer wieder daran erinnern, dass das Handeln zweier Menschen nicht repräsentativ für ihren Hautton, ihre Herkunft oder ihre Religion steht. Ich muss dich in Kooperation mit meinem Toleranten Ich fast täglich an die „andersartigen“ Menschen erinnern, durch die ich schon so viel lernen durfte. Es kostet sehr viel Energie dir Sicherheit und Kraft zu schenken, damit deine Stimme irgendwann rationaler wird und deine Anteile sich in tolerante Anteile verwandeln, aber du bist es mir wert. Ich freue mich, wenn du irgendwann all deine Energie auf meinen inneren Beschützer überträgst, der eine Gefahr nicht mit Rassismus verwechselt.

Dieser Beitrag verfolgt nicht die Intention unseren inneren Rassismus zu legitimieren oder ihn als „normal“ zu verharmlosen. Meine Intention ist es bewusst zu machen, dass wir alle höchstwahrscheinlich unterbewusste Vorurteile mit uns rumschleppen. Wir müssen versuchen, zu verstehen, in welcher Situation sie sich gebildet haben oder welche Person sie geprägt haben. Wir müssen sie annehmen, hinterfragen und sie davon überzeugen, dass sie kein Teil unsere Identität mehr sein sollen. Wir müssen sie nicht beschimpfen oder sie hassen. Wir können uns bei ihnen bedanken, dass sie uns in fremden, ungewissen Situationen helfen wollten. Wir müssen begreifen, dass nur wir alleine die unbewussten Vorurteile und damit verbundene Ausgrenzung in unser Denken aufgenommen haben und nur wir alleine sie auch wieder aus unserem Kopf rauslassen können.

Wenn ich in diesem Beitrag „ausgrenzende Sprache“ verwendet habe, passierte dies aufgrund nicht vorhandenem Wissen darüber, wie man sich ganz politisch korrekt ausdrückt. Auch ich lerne noch und gebe mir Mühe, diesen Lernprozess niemals aufzugeben.

Anregungen & must reads:
Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche. Reni Eddo-Lodge
White Fragility: Why it’s so hard for white people to talk about racism. Robin DiAngelo
How to be an antiracist. Ibram Kendi
100 humans. Netflix

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