Das Schreiben über das Schreiben

Wöchentlicher Gedankenfluss

Die Macht des geschriebenen Wortes

Den Drang mich mitzuteilen, mit Worten und Taten etwas in die Welt hinauszutragen, Menschen auf mich und meine Gedanken aufmerksam zu machen, diesen Drang verspürte ich schon immer. Auf meinem Desktop liegt ein Ordner, in diesem Ordner liegt ein weiterer Ordner, und wenn man dem Pfad tiefer in den Ordner-Dschungel folgt, findet man den einen Ordner, der mich ausdrückt. Er trägt den wundervollen und originellen Namen „Schreiben“.
Hier abgelegt sind verschiedenste Zusammenfassungen über den Veganismus, die Fettleber, den Islam auf der Iberischen Halbinsel, die hispanoamerikanische Literatur; alles Themen aus meinem damaligen Lehramt-Studium. Ebenfalls zu finden sind die mehrseitigen Anfänge meiner Bücher, die sowohl spiritueller als auch alltäglicher Natur sind: Wer bin ich und wie stehe ich zu mir? Wie integriere ich meine Interessen in mein Berufsleben? Wie beeinflussen meine Gedanken mein Essverhalten? (Einen Psychothriller über eine mordlustige Prostituierte hatte ich wohl auch im Sinn.)

Was haben all diese Texte gemeinsam? Sie sollen etwas erarbeiten oder verarbeiten oder schlichtweg bewusst machen. Sobald man seine Gedanken aufschreibt, werden sie zu etwas Realem, etwas Nachvollziehbarem, etwas Messbarem. Man kann sie verurteilen, man kann sie auf sich wirken lassen, man kann etwas aus ihnen lernen. Das geschriebene Wort hat so einen großen Einfluss auf unser Leben; auf das was wir sind. Durch Worte, Texte, Essays können wir unsere Vorstellungen und Annahmen bestätigen lassen. Oder auch nicht. Jemand der jahrelang ein Glas Wasser zu seinem Kaffee getrunken hat, fängt nicht an, neuste ernährungswissenschaftliche Studien darüber zu lesen, dass Kaffee dem Körper gar kein Wasser entzieht. Es ist viel angenehmer für den Seelenfrieden vertrautes Wissen zu zitieren, auch wenn es noch das Gegenteil behauptet. Oder zu sagen: „Das habe ich schon immer so gemacht. Hat mir nicht geschadet.“ So kann man weiterhin, ohne groß nachzudenken, sein Glas Wasser zum Kaffee bestellen. Dies ist ein sehr harmloses Beispiel. Viel Wasser zu trinken kann kaum negativ ausgelegt werden. Was ich damit sagen möchte ist, dass wir zunächst die Quellen heranziehen, die uns in unserer Meinung unterstützen. Aus jedem Text und aus jedem Wort wird erst einmal das herausgezogen, was wir sowieso schon wussten. So wird unser kognitives Gleichgewicht bewahrt. Und das eigene Bewusstsein schreit: „HA, wir hatten recht! Wir sind super und verdammt schlau!“

Und dann liest man einen Text nochmal, oder man liest ihn nochmal genauer, und man entdeckt in den Zeilen neue Ansätze oder Bedingungen, die sein Vorwissen widerlegen oder gar den Beweis liefern, dass seine eigene Theorie gar nicht mehr stimmen kann. Man kommt in ein kognitives Ungleichgewicht, möchte die empfundene Spannung lösen und akkommodiert das neue Wissen. Wir bestellen uns beim nächsten Café Besuch nicht zusätzlich eine 3 € teure Flasche Wasser zu unserem Cappuccino. Wieder eine eher unbedeutende Veränderung unseres Verhaltens. Trotzdem spiegelt es die Macht wider, die Worte auf uns ausüben. Glauben wir eher dem Geplänkel unserer Tante, die schon immer Wasser zu ihrem Kaffee trinkt oder glauben wir einer wissenschaftlichen Studie, die in der Fachzeitschrift „Science“ erschien.

Damit soll nicht behauptet werden, dass das mündlich überbrachte Wort keine Macht über uns habe. Bis zu einem bestimmten Alter unseres Lebens müssen wir zu einem Großteil all das glauben, was uns erzählt wird. Erst von unseren Eltern oder Geschwistern, dann von den ErzieherInnen oder LehrerInnen. Erst ab einer bestimmten Lebensphase können wir uns unsere Informationen selbst beschaffen. In einer Bibliothek leihen wir uns Bücher über Jugendpsychologie, Evolutionsbiologie, die Marktwirtschaft oder Kriegsgeschichte aus. Wir stöbern im Internet in (hoffentlich) vertrauenswürdigen Quellen über jede Art von Thema, das uns beschäftigen könnte. Und dann stehen da plötzlich ganz andere Informationen als die, die uns gegeben wurden. Oder man denkt sich nach seiner Recherche: „In diesem Punkt hatte Papa tatsächlich recht.“

Jede Idee kann nachvollzogen werden, wenn der Urheber sie aufgeschrieben hat. Am besten wäre noch eine begründete Argumentation. Denn viele mündliche Überbringungen werfen Fragen auf: Gab es Jesus Christus wirklich? Haben die Menschen, die ihn trafen, unabhängig voneinander über ihn geschrieben? Oder wurden seine Geschichten erst ein paar Generationen lang mündlich überliefert und dann aufgeschrieben? Wir wissen durch eigene Erfahrungen, dass es den Menschen sehr schwer fällt, sachlich und nüchtern zu berichten. Wir möchten Teil etwas Außergewöhnlichem sein und übertreiben, schmücken die Geschichten mit starken Adjektiven aus oder legen mehr Bedeutung in die für uns wichtig erscheinenden Aspekte. Kaum einer würde sagen: „Jesus Christus lebte, starb früh, lebte dann wieder, stieg irgendwann danach in den Himmel auf. Die Cousine der Freundin meines Nachbarn meinte es gesehen zu haben.“ Aus dieser Geschichte wäre wohl nicht eine der fünf Weltreligionen entstanden. Aber jetzt kann man seine Worte, die Wunder, die er vollbrachte, nachlesen. Man kann sich ein Beispiel an seinem Verhalten nehmen und nach den 10 Geboten leben. Dafür braucht man nur die Bibel zu lesen. Viele ChristInnen halten sich bis heute, über 2000 Jahre später, noch an seine Worte. Viele würden sie nicht hinterfragen. Das ist die Geschichte von Gottes Sohn. Denn so steht es geschrieben.

Die Macht, die das geschriebene Wort auf uns ausübt, kann auch gefährlich sein. Wenn wir uns einseitig informieren, unsere Informationen aus Klatsch-Zeitschriften oder von schlecht recherchierten Newslettern entnehmen, ist niemals gewährleistet, dass sie der Realität entsprechen. Vielleicht entsprechen sie der subjektiven Wahrheit der AutorInnen, aber nur selten der objektive Realität. So möchten JournalistInnen doch ihre Überzeugung mit in den Text einfließen lassen, sodass seine LeserInnen den Text nicht auf verschiedene Weisen deuten können. Untersuchungen zeigen, dass jeder Mensch eine eigene Realität und Wahrnehmung hat. Und genau aus diesem Grund ist es so wichtig, nicht nur die eine Seite einer Geschichte zu beleuchten. Man kann Menschen nicht die eigene Meinung aufzwingen. Man kann nicht mit einem einzigen Artikel oder einem einzigen Buch, die gesamte Realität der LeserInnen ändern. Und man sollte es auch nicht versuchen. Denn es wäre psychisch sehr schmerzhaft für den Betroffenen, seine ganze bisherige Weltanschauung komplett überdenken zu müssen. Was man aber tun kann und sollte ist, einen einfachen Zugang zu Wissen zu stellen.

Ein Beispiel: Stell dir vor, du glaubst dein ganzes bisheriges Leben an die Konsumgesellschaft und an den Wohlstand, in dem zum Beispiel die Mehrheit der Deutschen lebt. Und dann liest du einen Artikel über das Glück des Minimalismus. Der kann dich natürlich inspirieren und schafft neue Möglichkeiten. Du würdest gerne ein paar Ideen davon umsetzen und entrümpelst die Garage; schmeißt alles weg, was du ein Jahr nicht mehr genutzt hast. Aber würdest du ALLES wegscheißen oder verschenken, was du seit einem Jahr nicht angefasst hast, so wie der Autor des Artikels es dir rät? Würdest du versuchen dein Leben in 1-2 Koffer passen zu lassen? Würden du den Artikel so ernst nehmen, dass du deine Luxusartikel, teuren Kleider oder Haushaltsgeräte rausschmeißt? Wenn ja, gab es entweder schon lange eine kleine Stimme in deinem Inneren, die dein Leben aufräumen wollte oder der Autor hat eine verdammt starke Überzeugungskraft. Er lebt wohl selbst als Minimalist und legt seinen Fokus auf die Vorteile. Das überzeugt uns davon, auch so glücklich und ganz ohne Ballast leben zu wollen. Beide Fälle sind eher unwahrscheinlich. Und sein Leben auf der Basis einer einzigen persönlichen Erfahrung komplett umzukrempeln erscheint mir auch wenig sinnvoll. Wir sollten wohl besser noch andere Quellen hinzuziehen, in denen die Konsequenzen des Minimalismus aufgezeigt werden; die Hürden, die wir überwinden müssen und die Schwierigkeiten, denen wir uns vorher bewusst sein sollten. Oder wir hätten von vorneherein einen informierenden argumentativen Text gelesen, der uns über die Pros und Cons aufklärt. Der wäre vielleicht nicht so berauschend, jedoch würde er uns eine Menge Arbeit und Überraschungen ersparen. Schließlich ist nicht jeder Mensch ein Journalist oder Wissenschaftler und wir „Normalos“ vertrauen den allgemeinen Medien. Wenn wir dann einen nüchternen und aufklärenden Text über den Minimalismus gefunden haben – am besten mehrere, vielleicht noch ein Buch gelesen und ein paar Podcasts zum Thema angehört haben – wenn wir uns allen Aspekten der lebensverändernden Maßnahmen bewusst sind, erst dann sollten wir uns gerne als Minimalist betiteln und nach diesen Vorstellungen leben. Das wäre ein toller und umweltfreundlicher Schritt in eine bessere Welt. (Wodurch ich dich gerade wohl auch beeinflusse. Kein Beispiel wird aus Zufall gewählt. Wahrscheinlich vertrete ich auch einige Gedanken des Minimalismus und wahrscheinlich habe ich keine ausgeprägte Beziehung zum Christentum.) Und zum vorherigen Thema der einseitige Informationsbeschaffung: Würde Donald Trump wohl freiwillig einen Artikel über den Minimalismus lesen? Ich denke eher nicht.

Nach den ersten Zeilen dieses Textes wusste ich noch nicht in welche Richtung dieser Artikel geht. Wollte ich über meine persönliche Umgebung sprechen, in der ich gerade einen Text verfasse. Wollte ich auf meine Wünsche und Ziele aufmerksam machen. Im Nachhinein hat mich, wie man sieht, wohl das Hinterfragen jeder Quelle und die Macht des geschriebenen Wortes beschäftigt. Anscheinend wollte ich thematisieren, dass viele AutorInnen mich wütend machen, da sie nur die halbe Wahrheit bzw. ihre eigene Wahrheit erzählen. Dabei dachte ich vor einigen Minuten noch, dass ich bei diesem großartigen Wetter nur auf meiner Terrasse sitzen und meine Gedanken zu Papier bringen wollte.

Alle Beispiele und Fakten in diesem Text basieren auf meinem „Vorwissen“, zum Beispiel aus Seminaren oder Zeitschriften, und sind deshalb mit Vorsicht zu genießen. Als „richtige“ Journalistin hätte ich mein Vorwissen hinterfragt und für dich tiefer recherchiert. Vielleicht wäre ich am Ende des Textes zu einem ganz anderen Ergebnis gekommen. Wahrscheinlich hätte ich versucht meine Meinung auf fundiertem, nachweisbarem Wissen aufzubauen, damit du dich durch belegbare Fakten hättest selbst überzeugen können und nicht auf meiner Meinung und Einstellung. Ich freue mich darauf, irgendwann in der Lage zu sein, die Masse mit meinen Texten zu berühren und ihr die vielen Seiten einer Geschichte zu erzählen. Vielleicht kann ich die Welt so ein bisschen „besser“ machen.

Denn jeder Text, „geschrieben von Jolova“ soll dich über die Welt und all das Gute und Schlechte, das auf Ihr passiert, informieren. Ich hoffe meine LeserInnen irgendwann so zu erreichen, wie die „wahren“ Journalisten es derzeit bei mir tun. In der Zwischenzeit betreibe ich meinen selbsternannten „Minimal-Journalismus“ und präsentiere euch meine Sicht der Dinge.

Ich freue mich auf jede LeserIn, die sich angesprochen fühlt.

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